
#101 EU-KI unter Druck: Geplatzter Trilog und Anthropic-Alarm
Ein nächtlicher Trilog scheitert an der Grundsatzfrage, ob industrielle KI im AI Act oder in sektoralen Regeln landen soll, während die Hochrisiko-Pflichten bereits näher rücken. Dazu kommt die Debatte um Anthropic, Mythos und die Grenzen freiwilliger Sicherheitskooperation bei immer leistungsfähigeren KI-Systemen.
Chapter 1
Der geplatzte Trilog
Lukas
In dieser Episode geht es um Scheitern, Widersprechen, um eine Anhörung, dem Lernen von anderen und einigem mehr.
Lukas
Herzlich Willkommen, ich bin Dein Gastgeber Lukas, hier erfährst Du alles rund um das Thema EU AI Act, Governance und Compliance. Wir sind im Wonnemonat Mai 2026. Lasst uns starten.
Lukas
Der Trilog ist geplatzt. Stundenlange Gespräche. Verhandlungsführer von Parlament, Rat und Kommission. Mitten in der Nacht. Und am Ende? Gehen sie auseinander. Ohne Einigung. Ohne neuen Termin. (...) Und gleichzeitig schickt die SPD-Bundestagsfraktion einen Brief mit dem Betreff — Zitat — „SEHR DRINGEND! Trilog zum KI-Digital-Omnibus".
Lukas
Ich erinnere euch an die letzte Folge. Ausgabe einhundert. Da haben wir noch über den Zeitplan gesprochen. Achtundzwanzigster April, zweiter politischer Trilog. Mai Ausschussabstimmung. Juni Plenum. Juli Veröffentlichung. Zweiter August — Stichtag. Alles eng, aber machbar. (...) Naja. Heute schauen wir uns an, warum der Plan nicht aufgegangen ist. Plus: die Mythos-Geschichte geht weiter. Anthropic wird ins Europäische Parlament zitiert. Und es gibt einen Anschluss-Skandal: GPT-5.4-Cyber soll weniger restriktiv veröffentlicht werden. Schnallt euch an.
Lukas
Fangen wir beim Gesetzgebungsprozess an. (kurze Pause) Pieter Haeck von POLITICO beschreibt, wie es den EU-Gesetzgebern nicht gelungen ist, sich auf eine Zurücknahme der KI-Regeln zu einigen. (...) Stundenlange Gespräche. Verhandlungsführer des Europäischen Parlaments. Verhandlungsführer der EU-Mitgliedstaaten. Sie gehen ohne Einigung auseinander.
Lukas
Was wäre dabei rausgekommen, hätten sie sich geeinigt? (kurze Pause) Ein zentraler Teil des AI Act wäre bis Dezember zweitausendsiebenundzwanzig verschoben worden. Nudifier-Apps verboten. Beides Themen, die im Konsens waren. Aber wegen einer einzigen offenen Frage gibt's gar keine Einigung.
Lukas
Was war der Knackpunkt? (...) Anforderungen für Maschinen und Medizinprodukte. Das war der Sticking Point. Im Zentrum des Streits — und das ist die entscheidende Information — drängt die Mitte-Rechts-Fraktion im Parlament, unterstützt von Deutschland, darauf, dass Produkte wie Maschinen und Medizinprodukte den sektoralen Vorschriften unterliegen sollen. Statt dem AI Act. Das ist die Anhang-I-Diskussion, die wir in den letzten Folgen schon hatten. Jetzt eskaliert sie.
Lukas
Dieser Schritt wird von mehreren Mitgliedstaaten und von der Mitte-Links abgelehnt. Heißt: Konfliktlinien sind klar. EVP plus Deutschland auf einer Seite. Mehrere Mitgliedstaaten plus linke Fraktionen auf der anderen. (...) Und genau diese Spaltung führt zum Bruch.
Lukas
Und jetzt das Problem: Es wurde kein neuer Termin festgelegt. Verhandlungen nicht unterbrochen mit Wiederaufnahme — sondern einfach so offen gelassen. Das ist diplomatisch heftig.
Lukas
Da neue Regeln für Hochrisiko-KI-Anwendungen bereits ab diesem August gelten sollen, verschärft der Zusammenbruch den Zeitplan, um Rechtsunsicherheit zu vermeiden. Heißt: Die Uhr tickt brutal. Wenn bis August nichts entschieden ist, treten die ursprünglichen Regeln in Kraft. Ohne Verschiebung. Ohne Nudifier-Verbot. Ohne die ganzen Anpassungen, die alle wollten.
Lukas
Ich finde das, ehrlich gesagt, ein politisches Drama. (...) Da sitzen Leute in Brüssel monatelang an einem Kompromiss. Beide Seiten geben nach. Beide Seiten kommen sich entgegen. Und dann scheitert das Ganze an einem einzigen Punkt — der industriellen KI. Weil die Mitte-Rechts und Deutschland nicht nachgeben wollen.
Lukas
Apropos Deutschland. (...) Das zweite Stück bringt's auf den Punkt. Maximilian Henning, der für Euractiv berichtet, enthüllt — und das ist ein starkes Wort —, dass Bundeskanzler Friedrich Merz in seinem letzten Vorstoß zur Kürzung der EU-Regeln für industrielle KI nicht im Einklang mit seinem Koalitionspartner stand.
Lukas
Heißt: Merz preschte vor. Die SPD — als Koalitionspartner der CDU — war nicht mit dabei. (kurze Pause) Das ist innenpolitisch hochinteressant. Bundeskanzler treibt eine Position in Brüssel voran, die seinem eigenen Koalitionspartner widerspricht. So funktioniert Berlin normalerweise nicht.
Lukas
Die Debatte gewann an Brisanz in der Nacht, in der Parlament und Rat sich nicht auf einen Deal einigen konnten. (...) Merz' EVP — die Europäische Volkspartei, also die Mutter-Fraktion der CDU im Europäischen Parlament — drängte auf die Kürzungen. Merz selbst hatte das zuvor schon befürwortet. Er beschrieb die EU-Regeln als — Zitat — „Korsett" für industrielle KI.
Lukas
„Korsett". Das ist deftige Sprache. Korsett heißt: einengend, beengend, behindernd. Politisches Vokabular gegen Regulierung.
Lukas
Und jetzt der dramatische Teil. (...) Nur einen Tag vor dem mutmaßlich finalen Trilog schickte die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag einen Brief an ihre europäischen Abgeordneten. Mit dem Betreff — und ich zitiere wortwörtlich: „SEHR DRINGEND! Trilog zum KI-Digital-Omnibus". Großbuchstaben. Ausrufezeichen.
Lukas
Was haben sie geschrieben? Sie forderten Widerstand gegen jede Schwächung des horizontalen Ansatzes des AI Act. Und sie warnten, die vorgeschlagenen Änderungen würden — (kurze Pause) — Nummer eins: erhebliche Risiken bringen. Nummer zwei: inkonsistente Regeln schaffen. Nummer drei: zu Schutzlücken führen. Und Nummer vier: für ausländische Unternehmen besser sein als für europäische.
Lukas
Der vierte Punkt ist brisant. Die SPD argumentiert: Was Merz und die EVP wollen, schadet europäischen Unternehmen mehr als ausländischen. (...) Das ist eine starke Pointe in der nationalen Debatte. Industriepolitik schießt sich selbst ins Bein, lautet der Vorwurf.
Lukas
Meine Meinung dazu? (überlegt) Ich finde es bemerkenswert, dass die SPD-Fraktion in Berlin sich öffentlich gegen den Bundeskanzler positioniert. Per Brief. Mit Betreffzeile in Großbuchstaben. Einen Tag vor dem Trilog. Das ist nicht das normale Funktionieren einer Großen Koalition. Das ist eine interne Konfrontation. Und es zeigt: KI-Politik ist ein Konfliktthema. Auch innerhalb der Bundesregierung.
Lukas
Wechseln wir das Thema. (...) Wir verlassen den Trilog kurz und gehen zu Mythos. Ihr erinnert euch — letzte Folge. Anthropics neues Modell, das angeblich Cyber-Schwachstellen besser ausnutzen kann als die meisten Menschen. Veröffentlicht nur an zwölf US-Tech-Konzerne und das britische AI Security Institute. Keine europäische Behörde konnte das Modell testen. (kurze Pause) Diese Geschichte geht jetzt weiter — und die EU reagiert.
Lukas
Disclaimer wie letzte Folge: Mein Sprachmodell — also das hinter Lucas — kommt von Anthropic. Genauer: Claude. Ich versuche, neutral zu bleiben. Ihr werdet sehen.
Lukas
Was ist passiert? (...) Der Binnenmarkt-Ausschuss des Europäischen Parlaments hat Anthropic zu einer Anhörung eingeladen. Am Mittwoch. Zum Mythos-Modell.
Lukas
Laut Entwurfs-Tagesordnung wird sich die Anhörung mit den — Zitat — „Sicherheits- und Cybersicherheits-Risiken, die potenziell von fortgeschrittenen KI-Systemen ausgehen" und ihrem Verhältnis zur EU-Regulierung befassen. (kurze Pause) Eingeladen sind: Anthropics Leiterin für Public Policy, Sarah Heck. Die EU-Tech-Chefin, Henna Virkkunen. Die Leiterin des AI Office, Lucilla Sioli. Und ein Vertreter von ENISA — das ist die EU-Agentur für Cybersicherheit.
Lukas
Das ist eine hochkarätige Aufstellung. (...) Eigentlich ein Zeichen dafür, dass die EU das Thema ernst nimmt. Die wichtigsten Personen sind alle dabei. Das ist nicht nur Symbolpolitik. Das ist der Versuch, strukturiert zu klären: Was war hier los? Wie geht's weiter?
Lukas
Und es gibt noch ein zweites POLITICO-Stück dazu — von Haeck und Kathryn Carlson. (kurze Pause) Die Kommission hat direkt von Anthropic weitere Informationen erhalten. Kommissions-Sprecher Thomas Regnier erklärte: Das Unternehmen habe die EU-Exekutive über „technische Details rund um die Cyber-Fähigkeiten und Risiken" des Modells unterrichtet.
Lukas
Plus: Beide Seiten sprachen über Project Glasswing. (...) Das ist eine von Anthropic zusammengestellte Koalition vertrauenswürdiger Tech- und Cyber-Firmen zur Schließung von Schwachstellen. Also: Anthropic baut nicht nur das Modell, das Schwachstellen findet — sondern auch eine Koalition, die diese Schwachstellen patchen soll. Das ist clever. Das ist verantwortungsvoll. Das ist aber auch privat regiert.
Lukas
Und der letzte Punkt aus dem POLITICO-Stück: Anthropic steht in regelmäßigem Kontakt mit dem AI Office der EU. Das Unternehmen hat sich dem Best-Practice-Katalog der EU für die komplexesten und fortschrittlichsten Modelle angeschlossen. Unter diesem Katalog wird erwartet, dass Cybersicherheits-Risiken adressiert und gemindert werden.
Lukas
Heißt: Es gibt eine Beziehung zwischen Anthropic und Brüssel. Es ist nicht so, dass Anthropic die EU völlig ignoriert. Aber — und das ist der Punkt von Bengio und Schaake aus der letzten Folge — diese Beziehung ist freiwillig. Sie ist privat. Sie ist nicht regulatorisch durchgesetzt. Das ist der eigentliche Streitpunkt.
Lukas
Drittes Analyse-Thema. (...) Und das wird konkret. Jimmy Farrell, EU AI Policy Co-Lead bei Pour Demain, argumentiert in Tech Policy Press: Was können EU und UK aus Anthropics Mythos lernen?
Lukas
Farrell beginnt mit einer technischen Einordnung. (kurze Pause) Anthropics Claude Mythos Preview markiert einen signifikanten Sprung in der Fähigkeit von KI, komplexe Cyber-Angriffe zu automatisieren. Das Modell habe Tausende von Schwachstellen in kritischer Internet-Infrastruktur aufgedeckt. Und — Achtung, das ist die heftigste Zahl — es sei das erste Modell, das autonom alle 32 Schritte einer Unternehmensnetzwerk-Angriffssimulation des UK AI Security Institute durchlaufen habe.
Lukas
Lasst das sacken. (...) Alle zweiunddreißig Schritte. Autonom. In einer professionellen Simulation. Das ist nicht mehr Spielzeug. Das ist nicht mehr ein bisschen besser als ein Skript-Kid. Das ist ein KI-Modell, das von Eindringen bis Datenexfiltration den ganzen Angriffsweg eigenständig fahren kann
Lukas
Wie hat das UK reagiert? (kurze Pause) Das UK AI Security Institute hat innerhalb von sechs Tagen umfassende Cyber-Capability-Tests veröffentlicht. Sechs Tage. Das ist schnell. Plus: ein Schreiben der britischen Regierung an Wirtschaftsführer. Auch gut.
Lukas
Aber Farrell merkt an: Dieser Ansatz beruht weiterhin auf dem freiwilligen Wohlwollen der Anbieter. (...) Wenn Anthropic sich entscheidet, kooperativ zu sein — funktioniert das System. Wenn nicht — habt ihr ein Problem. Und ihr habt keine rechtliche Handhabe.
Lukas
Im Gegensatz dazu adressiert der AI Act der EU bereits jetzt systemische Risiken durch offensive Cyber-Fähigkeiten. Entlang des gesamten Modell-Lebenszyklus. Einschließlich Pre-Training. Das ist ein wichtiger Punkt.
Lukas
Pre-Training erklärt: Das ist die Phase, in der ein KI-Modell auf riesigen Datenmengen trainiert wird, bevor es feinjustiert und veröffentlicht wird. Wer Pre-Training reguliert, reguliert von Anfang an. Wer erst nach der Veröffentlichung reguliert, hinkt hinterher.
Lukas
Konsequenz: Das gibt dem AI Office eine rechtliche Grundlage, eine gewisse Aufsicht über Mythos zu suchen — falls eine Bereitstellung im EU-Markt geplant ist. (...) Das ist juristisch sauber. Aber es ist begrenzt — nur auf den EU-Markt.
Lukas
Farrells Empfehlung. (kurze Pause) Drei Punkte. Erstens: Technische Expertise britischer Prägung mit regulatorischer Macht der EU kombinieren. Heißt: UK ist gut beim Testen. EU ist gut beim Regulieren. Vereint das. Zweitens: Institutionelle Werkzeuge stärken. Konkret das Wissenschaftliche Gremium, das Beratungsforum und Drittanbieter-Evaluierungen. Drittens: Stärkere internationale Standards.
Lukas
Und jetzt der Hinweis, der mich besonders aufhorchen lässt. (...) OpenAI hat ein vergleichbar leistungsfähiges Modell angekündigt. GPT-5.4-Cyber. Und das soll weniger restriktiv veröffentlicht werden.
Lukas
Lasst das sacken. (kurze Pause) Anthropic war noch zurückhaltend. Hat das Modell nur an zwölf Tech-Konzerne und ein UK-Institut gegeben. Mit Project Glasswing zum Patchen. Mit regelmäßigem Kontakt zum AI Office. Das war die konservative Variante.
Lukas
Und jetzt kommt OpenAI mit GPT-5.4-Cyber. Weniger restriktiv. (...) Ehrlich gesagt — das ist genau der Moment, in dem Farrells Plädoyer für stärkere internationale Standards zur dringenden Forderung wird. Wenn das nächste Modell mit ähnlichen Fähigkeiten breiter veröffentlicht wird, dann reicht das freiwillige Wohlwollen eines einzelnen Anbieters nicht mehr. Dann brauchen wir Regeln. Dann brauchen wir Durchsetzung. Dann brauchen wir Aufsicht.
Lukas
Meine Einschätzung: Die EU sollte Farrells Empfehlung ernsthaft prüfen. Die Kombination aus britischer technischer Expertise und EU-regulatorischer Macht ist genau das richtige Modell. Das geht aber nur, wenn das AI Office Ressourcen hat. Womit wir wieder beim offenen Brief der letzten Folge wären.
Lukas
Viertes Thema. Und das ist ein klassischer Brüsseler Skandal — leise, aber wichtig. Fünfunddreißig Organisationen und Forschende fordern das EU AI Office auf, den Zeitplan und Prozess für die Einrichtung des Beratungsforums zu klären.
Lukas
Was ist das Beratungsforum? (...) Es ist — Zitat — der einzige formale Mechanismus, der sicherstellt, dass zivilgesellschaftliche Stimmen Teil der Umsetzung des AI Act sind. Wir hatten das im AI-Act-Architektur-Überblick: AI Office, KI-Ausschuss, Wissenschaftliches Gremium, KI-Beratungsforum. Im Forum sitzen — laut Gesetz — Industrie, Start-ups, KMU, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.
Lukas
Was ist das Problem? (kurze Pause) Die Interessensbekundungsphase wurde im September zweitausendfünfundzwanzig abgeschlossen. Sieben Monate später ist das Forum immer noch nicht eingerichtet. Es wurde kein klarer Zeitplan mitgeteilt. Trotz Anfragen.
Lukas
Sieben Monate. Ohne Zeitplan. (...) Das ist nicht okay.
Lukas
Was sind die Folgen? Diskussionen zu Themen wie verbotenen Anwendungen, Hochrisiko-Klassifizierung und Grundrechtspflichten finden weitgehend zwischen EU-Institutionen und in Brüssel ansässigen Stakeholdern statt. Risiko: unterrepräsentierte Perspektiven werden ausgeschlossen.
Lukas
Und — das finde ich besonders pointiert — das Fehlen des Forums sei eine verpasste Gelegenheit gewesen, den AI Omnibus rigoros zu prüfen. Diese Debatte sei bisher auf — Zitat — „Reality Checks" beschränkt geblieben. Reality Checks, an denen eine kleine, überwiegend industriefokussierte Gruppe beteiligt war.
Lukas
Heißt: Der Omnibus wurde mit der Industrie gegengecheckt. Mit der Zivilgesellschaft nicht systematisch. Und genau das wäre die Aufgabe des Beratungsforums gewesen.
Lukas
Forderung: Das AI Office soll die Einrichtung des Forums priorisieren und sinnvolle zivilgesellschaftliche Beteiligung darüber hinaus fördern. (...) Mein Take: Wenn das AI Office unterausgestattet ist — wie wir letzte Folge gehört haben, vierzig Mitarbeiter geplant, hundert gefordert — dann wundert mich nicht, dass das Forum noch nicht steht. Aber: Genau das macht die Situation schlimmer. Weniger Ressourcen, weniger Beratung, weniger Korrektur. Eine Negativspirale.
Lukas
Fünftes Thema — und ich verspreche, das wird euch was angehen. (kurze Pause) Auch wenn ihr nicht an einer Universität arbeitet. Seher Asaf, Europa-Reporterin bei Times Higher Education, schreibt: Viele europäische Universitäten müssen möglicherweise alles ändern, wie sie KI nutzen. Sobald die Bestimmungen des AI Act in Kraft treten. So Thomas Jørgensen von der European University Association.
Lukas
Was ist konkret das Problem? (...) Jørgensen hebt eine Praxis hervor, die weit verbreitet ist: Akademiker nutzen Werkzeuge wie ChatGPT, um studentische Arbeiten zu bewerten.
Lukas
Lasst uns kurz innehalten. Wer von euch ist Student? Oder hat in den letzten Jahren studiert? (kurze Pause) Stellt euch vor: Eure Hausarbeit, eure Bachelorarbeit, eure Klausur — wurde möglicherweise von einer KI bewertet. Ohne dass ihr das wusstet. Ohne dass die Uni Transparenz darüber hatte. Das ist nicht hypothetisch. Das passiert.
Lukas
Jørgensens Warnung: Solche informellen Anwendungen könnten gegen die Gesetzgebung verstoßen. (...) Warum? Der Act schreibt eine Reihe von Anforderungen für Nutzer und Anbieter vor, wenn KI für Bewertungen eingesetzt wird. Und große Sprachmodelle erfüllen möglicherweise Transparenz- und Trainingsdaten-Kriterien nicht.
Lukas
Das ist ein juristisch interessanter Punkt. Bewertungssysteme können — je nach Anwendung — als Hochrisiko-KI eingestuft werden. Bildung ist im AI Act als sensibler Bereich gelistet. Wer Studentenarbeiten mit KI bewertet, könnte unwissentlich in ein hochregulierten Bereich gegriffen haben.
Lukas
Und diese Compliance-Herausforderungen erstrecken sich auch auf Universitäten, die eigene formale KI-Werkzeuge eingerichtet haben. Heißt: Selbst wenn die Uni bewusst eine KI gebaut hat, gibt's Compliance-Fragen. Klarheit bleibt begrenzt, bis Leitlinien des AI Office veröffentlicht werden. Womit wir wieder bei der Ressourcenfrage sind.
Lukas
Und Jørgensen hat noch einen langfristigen Punkt. (...) Die weitverbreitete Abhängigkeit von denselben in den USA trainierten kommerziellen Modellen in ganz Europa drohe die intellektuelle Vielfalt zu erodieren. Er verweist auf europäische Alternativen wie EuroLLM. Und zitiert ihn selbst: „Die großen US-Modelle für uns nicht wirklich passen".
Lukas
Das ist eine wichtige Perspektive. (kurze Pause) Wenn alle Universitäten Europas auf denselben US-Modellen aufbauen — und diese Modelle sind nicht für europäische Sprachen, europäische Wissenschaftskultur, europäische Curricula optimiert — dann gibt es einen strukturellen Effekt. Wir denken zunehmend in den Kategorien dieser Modelle. Und das ist ein Problem für intellektuelle Vielfalt. Auch wenn's auf den ersten Blick technisch klingt.
Lukas
Und zum Schluss noch was Konkretes — Tools und Ressourcen. (...) Das Future of Life Institute hat einen neuen AI Act Explorer veröffentlicht. BETA.
Lukas
Was ist das? Ein navigierbarer Zugang zum Text des AI Act. Ihr könnt darin lesen, suchen, vergleichen. (kurze Pause) Und — das ist der Clou — ihr könnt Bestimmungen sprachübergreifend vergleichen. Heißt: Wenn ihr wissen wollt, wie Artikel sechs auf Deutsch und auf Französisch und auf Englisch formuliert ist — geht das jetzt einfach. Hilft enorm bei der juristischen Arbeit, wenn ihr in mehreren Sprachen verhandelt oder veröffentlicht.
Lukas
Plus: Es deckt jetzt auch Umsetzungsinstrumente ab. Das Wissenschaftliche Gremium. Den Verhaltenskodex. Heißt: Ihr bekommt nicht nur den nackten Gesetzestext, sondern auch den Kontext drumherum. (...) Sehr nützlich. Auch wenn's noch eine BETA-Version ist.(längere Pause)Lucas: Was bedeutet das alles jetzt konkret für euch? Aufschlüsselung nach Rolle, wie immer.
Lukas
Wenn ihr in der Industrie unterwegs seid — vor allem Maschinenbau, Medizinprodukte, Funkanlagen: Atmet nicht durch. Der Trilog ist geplatzt. Wenn bis August keine Einigung kommt, gilt der ursprüngliche Zeitplan. Heißt: Hochrisiko-Pflichten parallel zum sektoralen Recht. Doppelte Compliance. Plant beide Szenarien. Beide.
Lukas
Wenn ihr in der Politik arbeitet — egal welche Ebene: Behaltet die Frage industrielle KI im Blick. Das ist der Brandherd. Hier wird auch der Druck weiterlaufen. Wer hier nachgibt, wer hier hart bleibt, das ist eine politische Entscheidung. Aber sie hat industrielle Konsequenzen.
Lukas
Wenn ihr in Deutschland politisch interessiert seid: Die SPD-EVP-Konfrontation ist nicht vorbei. Beobachtet, wie sich das in den nächsten Wochen entwickelt. Wenn Merz auf dem industriellen-KI-Punkt insistiert und die SPD weiter dagegenhält, gibt's Spannungen in der Koalition. Das ist ein politisches Risiko mit ökonomischen Folgen.
Lukas
Wenn ihr in einer nationalen Cyber-Behörde arbeitet: Die Anhörung am Mittwoch im Binnenmarkt-Ausschuss könnte Präzedenzfall sein. Lest die Tagesordnung. Verfolgt das Ergebnis. Und überlegt: Wie wäre eure Behörde positioniert, wenn nächstes Mal GPT-5.4-Cyber — weniger restriktiv veröffentlicht — bei euch landet?
Lukas
Wenn ihr in der Zivilgesellschaft aktiv seid: Schließt euch der Forderung nach dem Beratungsforum an. Sieben Monate ohne Zeitplan ist nicht akzeptabel. Drückt das öffentlich aus. Es ist euer Forum.
Lukas
Wenn ihr in einer Universität arbeitet — als Lehrender oder Verwaltung: Schaut euch jetzt an, wie KI in Bewertungen genutzt wird. Informell und formell. Dokumentiert. Bereitet Compliance vor. Ohne zu warten, bis das AI Office Leitlinien veröffentlicht. Weil bis dahin könnt ihr schon eine Menge falsch gemacht haben.
Lukas
Und wenn ihr Student seid: Fragt mal nach. Wie genau wurden eure Arbeiten bewertet? Gab's da KI im Spiel? Das ist jetzt eine berechtigte Frage. Und wird ab August zweitausendsechsundzwanzig eine rechtlich relevante Frage.
Lukas
Mein Fazit zu Newsletter einhunderteins? (kurze Pause) Trilog geplatzt. Das ist das Hauptthema, und es ist schlecht. Schlecht für Planungssicherheit. Schlecht für die ganze Architektur des Digital Omnibus. Schlecht für die Glaubwürdigkeit der EU-Gesetzgebung. (...) Und der Knackpunkt — industrielle KI — ist nicht zufällig. Genau das war seit Folge siebenundneunzig das umstrittenste Thema. Es ist eskaliert.
Lukas
Gleichzeitig zeigt die Mythos-Anhörung: Die EU reagiert. Strukturiert. Auf höchster Ebene. Das ist gut. Es ist aber auch zu spät. Mythos wurde vor Wochen bekannt. Erst jetzt kommt die Anhörung. Und in der Zwischenzeit kündigt OpenAI GPT-5.4-Cyber an. Weniger restriktiv.
Lukas
Wir sehen eine sich beschleunigende KI-Landschaft. Wir sehen eine sich verlangsamende EU-Regulierungsmaschinerie. Wir sehen sieben Monate ohne Beratungsforum. Wir sehen einen geplatzten Trilog. Und wir sehen Universitäten, die jetzt schon Compliance-Risiken haben, ohne es zu wissen. (kurze Pause) Das ist keine schöne Diagnose. Aber es ist die ehrliche.
Lukas
Was Hoffnung macht: Der offene Brief zur AI-Office-Ressourcenausstattung, die Mobilisierung der Zivilgesellschaft, der SPD-Bundestags-Brief in Großbuchstaben, die hochkarätige Aufstellung der Mythos-Anhörung, der neue Explorer als Werkzeug — Europa ist nicht hilflos. Es muss nur schneller werden. Und ressourcen-mäßig besser ausgestattet.
Lukas
Wenn euch die Folge was gebracht hat — abonniert den Podcast, lasst eine Bewertung da, leitet's weiter. Gerade jetzt, wo so viel in Bewegung ist, lohnt sich die Verfolgung jeder Ausgabe. (...) Und holt euch den offiziellen EU AI Act Newsletter vom Future of Life Institute. Kostenlos, alle zwei Wochen. Plus den neuen AI Act Explorer. Beides verlinkt in den Show Notes.
Lukas
Ich habe für Euch eine separate Folge aufgenommen, speziell zum Thema was EU und Großbritannien vom „Mythos“ von Anthropic lernen können.
Lukas
Ich bin Lucas, das war's für heute. Bleibt neugierig, bleibt kritisch — und schreibt eure dringenden Briefe in Großbuchstaben. Bis zum nächsten Mal.